Die „natürliche Epoche“ – eine verrückte Theorie

In letzter Zeit habe ich eine kleine Theorie der „natürlichen Epoche“ entwickelt. Das heißt, dass jeder irgendwann einen Stil oder eine Zeit findet, in der er sich so wohl fühlt, dass es nicht länger nur ein Kostüm ist. Bei mir sind das drei Epochen: die Wikingerzeit, das Rokoko und Tournüren. Warum? Fast jedes meiner Kleider und Cosplays lässt sich dann nach dem Fokus einordnen, den diese drei Gebiete jeweils haben. Alles andere ziehe ich interessanterweise gar nicht mehr am, man denke nur an drei verstaubte Krinolinenkleider oder das Tudorkleid. Hier möchte ich euch sagen, was ich daran so gerne mag. Eine fachliche Behamdlung sowie Anleitungen, Bildersa´mmlungen und Infos gibt es auf den jeweiligen Epochenseiten.


Wikingerzeit

Wiki-Pärchen 5In der Wikingerzeit machen wir derzeit unsere ersten Erfahrungen mit Lagerleben, hinzu kommt unser etwas ungewöhnliches Hobby, das Kämpfen mit historischen Waffen. Hier kann Frau auch mal Mann sein, die Strukturen sind sehr vielfältig. Der gr0ße Spielraum in der Darstellung und Interpretation kommt vor Allem von der schlechten Quellenlage. Ob Frauen beispielsweise an kriegerische Aktionen teilgenommen haben, ist im Hobby und der Forschung umstritten. Auch im Bereich der Kleidung müssen wir uns auf kleine Hinweise und archäologisches Material verlassen. Die meisten Schnitte sind demnach nur eine Möglichkeit von vielen. Auf dem Bild seht ihr meine Interpretation der Ausgrabungsberichte von Haithabu: Der Mann konnte aus verschiedenen Kleiderformen wählen, hier repräsentiert durch weite Pluderhose mit Wadenwickeln, einer schlichten Tunika und wollenen Gugel. Eine freie Frau trägt hingegen ein einfaches Basiskleid mit einem darüber liegenden ärmellosen Trägerkleid, das durch hier fehlende Schalenfiebeln gehalten wird und eng anliegt. Die Schuhe sind auf diesem Bild leider auch noch nicht drauf. Sie sind aus Leder, wendegenäht und kommen in unterschiedlichen Formen vor. Darüber hinaus ist Leder als Material für diverse „Accessoires“, aber nicht als Schutzausrüstung im Kampf nachgewiesen, weshalb es immer wieder zu Diskussionen kommt. Kleine Neben-Info: Von Unterwäsche im heutigen Sinne wissen wir nichts. Aber Frau wird sich in bestimmten Wochen bestimmt zu helfen gewusst haben. Außerdem sind Leinenkleider leicht zu waschen, weshalb eine Verwendung als unterste Schicht meiner Meinung nach für die Hygiene gut ist. Wie genau jeder Kostümfan das jedoch nachmacht, sei ihm selbst überlassen.

 

 


18. Jahrhundert: Rokoko

Anna Strong Patriot gimp 700Das Rokoko hingegen betont die weibliche Seite. Während der Oberkörper durch sogenannte Stays fast tütenförmig wirkt, wird die Hüfte durch verschiedene Unterbauten betont. Manche gehen sogar so weit, die Frau als sexualisiertes Objekt zu sehen, was meiner Meinung nach übertrieben ist. Manchmal spiegelt Mode schlicht Formextreme wieder. Dass ein etwa 1 Meter breiter Unterbau nicht länger fruchtbare Hüften symbolisiert, sondern ein Statussymbol für Reichtum und teure Materialien ist, liegt für mich viel eher auf der Hand. Die meisten denken bei dem Wort Rokoko sofort an Maria Antoinette und die Madame de Pompadour sowie deren reich geschmückte Seidenkleider. Dies ist mit Sicherheit eine Seite des Rokoko. Trotzdem befinden wir uns auch im Zeitraum der Französischen Revolution und des Amerikanischen Unabhängigkeitskrieges. Hier passiert etwas! Lustigerweise spiegelt sich die Politik auch in der Mode.  Besonders interessant ist es für mich, die Kleider der eher „durchschnittlichen“ Bürger der Kolonien nachzunähen. Für meinen Freund und mich habe ich besonders das Jahr 1776 im Fokus. Links seht ihr seine Uniform und eines meiner eher schlichten, komplett handgenähten Leinenkleider. Dies ist auch die einzige Epoche, in der mir die Hüte gefallen. Außerdem muss das Rokoko keine teure Epoche sein, wenn man Leinen oder Baumwolle kauft und daraus ein einfaches Outfit näht.

Zum Epochenüberblick Rokoko geht es hier lang!

 

 


Frühe Tournüre

Karonüre 4 700Letzten Endes bleibt noch die frühe Tournüre. Ich mag die Form und die Einfachheit, mit der man sich in dieser Kleidung bewegen kann, auch wenn man das bei dem etwas ausladenden Stahlunterbau zuerst nicht vermutet. Darin fühle ich mich viel wohler als z.B. in einem Krinolinenkleid, wenn wieder einmal ein Kostümtreff im 19. Jahrhundert angesetzt ist. Das „lange 19. Jh.“ wird in unserer kleinen Kostümgruppe nun einmal oft gewählt, da es jedem sehr viele unterschiedliche Stilrichtungen anbietet. Die frühen 1870er, also die frühe Tournüre, ist hierbei meine Lieblingsmode. Der ausladende Unterbau soll ein Jahrzehnt danach mit der späten Tournüre noch einmal wiederkommen. Allerdings sitzt die Taille dort wesentlich tiefer, was meiner Meinung nach unvorteilhaft für kleine Leute ist. Als erste Grobunterteilung kann man für die frühe Tournüre drei Arten von Kleidern nennen: Das hoch geschlossene Tageskleid, eine Dinnertaille mit viereckigem Ausschnitt und zuletzt die tiefe Balltaille für entsprechende Gelegenheiten. Natürlich gibt es noch viele weitere Formen, aber mit diesen dreien kommt man durch jedes Kostümtreffen. Mir ist zudem wichtig zu betonen, dass ich noch nie Probleme beim Korsetttragen hatte. Praktisch ist, dass man für einen Rock mehrere Oberteile nähen kann und durch richtige Kombination sehr viel Material spart. Mittlerweile ist auch die Nähmaschine erfunden, sodass Meterweise Deko an jedem Kleid zu finden ist.

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