Einer der ersten Dinge, die den meisten Leuten wahrscheinlich durch den Kopf geht, wenn sie an historische (Damen)kostüme denken, sind Korsetts. Dann kommen meist folgende Fragen oder Kommentare auf:
„Bekommt man darin überhaupt noch Luft?“
„Die Frauen konnten sich damals bestimmt kaum bewegen.“
„Ich habe gehört, manche haben sich dadurch die Rippen gebrochen.“
„In Filmen fallen die dann ständig in Ohmacht!“
Speziell auf Letzteres möchte ich gerne zuerst eingehen: Filme wollen Zuschauer. Zuschauer wollen Drama. Drama findet sich in eher seichten Kostümfilmen nicht unbedingt, wenn man alle Stellen weglässt, in denen Frauen durch Korsetts ohnächtig werden oder andere Klischeeprobleme haben. Gute Beispiele dafür sind „Fluch der Karibik“ oder „Sissi“. Manchmal frage ich mich, ob die führenden Personen der Filmindustries diese Klischees also bewusst beibehalten oder es selbst nicht besser wissen. Und obwohl sich viele der Blogs, die ich verfolge, bereits die Finger wundgeschrieben haben, möchte ich das Thema Korsett gerne noch einmal aufrollen. Wer mehr dazu wissen möchte, dem empfehle ich „The Corset. A Cultural History“ von Valerie Steele, oder alternativ eine der vielen Infoseiten, die ich unter „Bücher und Links“ angegeben habe.

Zuallererst möchte ich betonen, dass Korsetts kein Unterdrückungsmittel waren, durch die Männer ihre Frauen möglichst bewegungsunfähig machen wollten. Meiner Meinung nach finden sich genug Hinweise darauf, dass (einzelne) Frauen selbst die Mode geprägt und bestimmt haben, auch wenn sie sich nicht über bestimmte Konventionen hinausbewegen konnten. Nur so konnte sich das Korsett von seinen frühen Vorgängern aus der Renaissance bis ins frühe zwanzigste Jahrhundert (also 400 Jahre) halten.

Korsetts bilden, wenn sie normal geschnürt werden, kein direktes Gesundheitsrisiko. Weder werden Rippen brechen, noch Organe zerdrückt werden. Dennoch sollte man sich bewusst sein, dass die Masse, welche ich von der Taille weghaben möchte, sich letzten Endes nur an eine andere Stelle schieben wird. Kräftigere Leute können weichere Massen daher leichter formen als sehr dünne Figuren, bei denen das Korsett bereits auf den Rippen liegt. An einer Stelle habe ich gelesen, dass bis 8cm nichts passieren kann – allerdings finde ich eine einzige Angabe für tausend Figuren etwas zu allgemein. Ich schnüre derzeit unter 10% meiner Taille weg. Ich möchte niemanden dazu ermuntern, sich eine Wespentaille zu schnüren. Irgendwann wird es ungesund! Jeder muss selbst herausfinden, was ihm guttut. Solltet ihr Asthma oder Ähnliches haben, solltet ihr zuerst mit eurem Arzt reden. Hier sieht man, dass mein Korsett zum Dagmar-Outfit eigentlich kaum Taillenreduktion hat und den überschüssigen Teil gut nach unten wegschieben kann. Statt einer richtigen Korsettschließe findet sich hier aber nur Häkchen- und Ösenband.

Korsett bestickt

Historische Kleidung braucht das Korsett als Unterstützung. Wer schon einmal mehrere schwere Röcke um seine bloße Taille geschnürt hat, wird bald Striemen und Druckstellen bemerkt haben. Ein Korsett kann dies hingegen vermeiden und das Gewicht verteilen. Außerdem verhindert es ein Verrutschen. An manchen Museumstücken sieht man kleine Häkchen, die dafür zuständig sind. Rokoko Stays sind meiner Meinung nach besonders unterstützend für die Körperhaltung. Durch ihre große Länge entlasten sie die Rückenmuskulatur. Dadurch habe ich selbst nach einem Kostümwochenende mit viel Laufen keine Rückenschmerzen.

Stays Fertig klein

Das Fehlen eines Korsetts sieht man auf den ersten Blick! Andere Zeiten haben andere Schönheitsideale und andere Formen, und ich spreche hier nicht nur von einem verringerten Taillenumfang. So hat das Rokoko, also das 18. Jahrhundert, die sogenannten „Stays“ oder „Schnürbrüste“, die die Brust nach oben drücken und den Oberkörper in eine Art Tütenform umwandeln. Das lässt sich durch BHs oder moderne Mieder nicht erzeugen. Das darüber getragene Kleid wird daher knittern und am Ausschnitt zeichnet sich eine völlig andere Form ab. Ähnliche Beispiele lassen sich auch in anderen Epochen finden. Hier seht ihr, wie sehr ein Outfit knittern kann, wenn kein Korsett getragen wird.

1863er Riding Habit Baum 3 klein

Korsetts schränken die Bewegungsfreiheit nicht ein. Ich bin vor einiger Zeit einmal mit Korsett und voller Tournüre inklusive Schleppe ein ganzes Stück gejoggt, da ich spät dran war. Mein 1860er Korsett habe ich schon neun Stunden am Stück getragen, die Rokoko Stays drei Tage hintereinander auf dem WGT, was bedeutet, dass ich mich den ganzen Tag von A nach B bewegt und später noch getanzt habe.

Und zuletzt: Mit einem Korsett bekommt man ein ganz anderes Gefühl für historische Kleidung und die Epoche. Außerdem möchte ich noch einmal betonen, dass moderne BHs zum Teil sehr viel unbequemer sind! Korsetts sind des Weiteren in diesem Kontext keine Reizwäsche, sondern die damalige Unterkleidung. Man wird diese nicht durch das Kleid sehen, sondern nur den positiven Effekt. Hier sieht man die typische Tütenform von Rokoko Kleidung mit Stays.

Forum Jacke weiß

 


 

Wenn ihr jedoch kein historisch akkurates Kleid haben wollt, sondern beispielsweise ein Faschingskostüm oder ein Cosplay, das die Epoche lediglich nachahmt, wird es sich eventuell nicht lohnen, eine ganze Reihe von Unterbauten zu nähen. Dann kann man aber beispielsweise keinen Rokoko-Schnitt für das Kleid nehmen, da es vorne keine Abnäher besitzt und über moderner Unterwäsche krumpeln wird. Allerdings bieten viele Schnittmuster-Hersteller mittlerweile solche vereinfachten Schnitte an, sodass ihr euch dort nicht die Arbeit stundenlanger Recherche machen müsst. Simplicity ist meiner Meinung nach eine gute Anlaufstelle.

 


 

Das gleiche gilt für Kinder: Obwohl man in manchen Epochen zum Teil bereits vorpubertäre Kinder eingeschnürt hat, finde ich das heutzutage nicht mehr vertretbar. Lasst bitte die Finger weg von Korsetts, wenn es um Kinder geht etc.! Deren Körper sind sehr viel empfindlicher als unsere ausgewachsenen.