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Cosplay & Historische Kleidung

Wikingerkleidung

Im Gegensatz zu späteren Epochen, die ich vorgestellt habe, gibt es für die Wikingerzeit fast keine textilen Fragmente oder Überreste. Das größte gefundene Stück eines Kleides hat in etwa die Maße eines DinA4 Blattes und lässt nur bedingt Rückschlüsse auf die genaue Verarbeitung bzw. Schnittführung zu. Als Quellen dienen uns vor Allem Abbildungen, die zeichnerisch überhöht sein können (Hägg, 2015, S. 169), und Grabbeigaben bzw. andere Überreste, die stark verwest sind. Daher sollten alle Angaben, die ich hier mache, als Interpretationsversuch gesehen werden und nicht als absolute Tatsachen. Sie basieren auf den Ausgrabungsberichten von Haithabu zu den Textilfunden in Gräbern und dem Hafen. Die eigentlichen Ausgrabungsberichte sind von 1994 und 1991, allerdings hat Inga Hägg 2015 eine Art Zusammenfassung veröffentlicht, in der sie auch auf andere Forschungen und Ausgrabungen eingeht, wie Beispielsweise auf die Gräber in Birka, einer schwedischen Handelsstadt. Daher beziehen sich meine Nachweise hauptsächlich auf dieses Buch.

Kleidung war durchaus teuer und wurde auch weitergereicht (Hägg, 2015, S. 170f.) bzw. nach komplettem Verschleiß noch anderen Verwendungszwecken zugeführt. So kommen beispielsweise die Funde im Hafengebiet zustande, wo sie als Lappen weiter verwendet wurden (Hägg 1984). Sie konnten auch als Futter dienen (Hägg, 2015, S. 170). Daher versuche ich, auch Reststücke gut zu verwerten. Gefärbt wurde übrigens mit Pflanzenbestandteilen, gewebt per Hand auf einem vertikalen Webstuhl. Farbe war allerdings teuer und laut Hägg der Oberschicht vorbehalten (2015, S. 171f.). Die Herstellung war ingesamt sehr zeitaufwändig. Verwendete Fasern waren Leinen, Wolle (nicht nur von Schafen) und bedingt Seide, diese vor Allem als kleine Fragmente (Hägg, 2015, S. 115 u. 175). Leinen war dabei sehr teuer und wahrscheinlich importiert (Hägg, 2015, S. 119 u. 122). Neben der klassischen Leinwandbindung gibt es auch Fundstücke in Köperbindung und Stoffe mit Struktur durch die Verwendung untershiedlich dicker Schussfäden (Hägg, 2015, S. 123, 126 u. 131). Über einfache Felle wissen wir zu wenig, als dass ich hier eine Aussage treffen könnte. Pelze wurden aber als reiche Elemente in der Kleidung verwendet und sogar mit anderen Fasern immitert (Hägg, 2015, S. 171). Da Grabbeigaben jedoch wahrscheinlich etwas reichhaltiger ausgestattet waren als die Kleidung des Alltags, muss die Qualität der Stücke mit Vorsicht interpretiert werden (Hägg, 2015, S. 138 u. 168). Der Wohlstand des Trägers wurde dabei nicht unbedingt durch die Form der Kleidung, sondern durch die Qualität des verwendeten Gewebes bestimmt (Hägg, 2015. S. 170f.).


Frauenkleidung

Als gutes Basisstück dient das Unterkleid, welches aus einem rechteckigen Vorder- und Rückenteil sowie keilförmigen Erweiterungen besteht. Die ebenfalls viereckigen Ärmel werden bei meinen Kleidern durch Zwickel erweitert, um mehr Bewegungsfreiheit zu gewährleisten. Eine Anleitung findet ihr übrigens hier. Derselbe Schnitt kann aus Wolle oder Leinen ausgeführt werden (Hägg, 2015, S. 51f.). Wollköper, wie in meinem Beispiel, wurde in Birka-Gräbern nachgewiesen (Hägg, 2015, S. 173).

Da Wolle aber nur bedingt waschbar ist, nähe ich stets ein Unterkleid aus Leinen. Wahrscheinlich war dies aber eine Faser für wohlhabende Bevölkerungsschichten, also Vorsicht bei der Darstellung (Hägg, 2015, S. 119 u. 122). Der Schlitz konnte auf dekorative Weise mit einer Fibel, also Brosche, verschlossen werden. Ob die gemeinhin anzutreffenden Kleblattfibeln jedoch auf christliche Symbolik zurück gehen oder lediglich davon beeinflusst wurden, ist nicht vollständig nachzuweisen (Hägg, 2015, S. 139).

Laut Hägg gab es noch einen zweiten Typus dieses Kleides, der durch eine Naht in einen Ober- und Schürzenteil getrennt wurde (2015, S. 51f.). Dies habe ich im unteren Bild versucht nachzubilden.

Als interessante Sonderform wurden in Birka fein gefältete Stoffe gefunden, die womöglich auf einen Stil des 10. Jh. mit östlichen Einflüssen verweisen (Hägg, 2015, S. 124). Ein solches Kleid befindet sich bisher nicht in meiner Sammlung.

Darüber trage ich ein Trägerkleid, das ärmellos ist und bis knapp über die Brust reicht. Dies war laut Hägg durch Abnäher im vorderen und hinteren Bereich mehr auf Maß gearbeitet und reicht rund um den Körper (Hägg, 2015, S. 50f.). Eine offene Variante, wie sie lange in Birka vermutet wurde, weist Hägg in einer langen Rede ab (2015, S. 60-67), weshalb ich diese bisher nicht gefertigt habe. Auch für das Trägerkleid habe ich eine Anleitung. Karierter Stoff wurde ebenfalls gefunden (Hägg, 2015, S. 171). Abnutzungsspuren auf Höhe der Taille führt Hägg auf die Verwendung eines Gürtels zurück (ggfs. über dem Obergewand, 2015, S. 50f.).

Aufgrund der Verwendung von zierenden Fibeln und Trägern wird es auch Trägerkleid genannt. Die Schalenfibeln konnten aus unterschiedlichen Materialien gefertigt sein und mitunter sehr viel Detailarbeit enthalten. In Gräbern sind sie meist besser erhalten als die textilen Fragmente und haben letztere sogar vor den Verwesungsvorgängen geschützt. Schalenfibeln finden sich Ende des 9.Jh. seltener in Gräbern, was aber nicht bedeutet haben muss, dass sie auch im Alltagsleben aus der Mode gekommen waren oder der gesamte Trägerrock verworfen wurde (Hägg, 2015, S. 164f.). Um den Stoff zu schützen, werden sie durch Schlaufen gefädelt und reichen daher über die Stoffkante (Hägg, 2015, S. 61). Zwischen beiden Fibeln tragen viele Frauen im Reenactment-Bereich heute Ketten mit Glasperlen. Unten sieht man ein Bild meiner Fibelsammlung, wobei die unteren beiden Paare älter sind. Ich konnte für sie keine genauen Nachweise finden. Anders sieht es bei den oberen aus: Beispielsweise ähnelt das Paar oben rechts sehr einer Zeichnung, die den sogenannten P25 Stil um 800 zeigt (nach VikingAgeCompedium).

Hier eine Detailansicht meines Lieblingspaares, das laut derselben Seite dem Stil P51 ähnelt und damit in den Beginn des 10.Jh. fallen würde:

Die darüber getragene Schürze bildet eine weitere Schicht, die in den Ovalfibeln gehalten wird. Genaueres in der Anleitung. Stickereien wie hier und beim grünen Leinenkleid oben arbeite ich stets aus Wolle. Die Kombination mit Leinengewebe ist allerdings nicht exakt nachgewiesen.

Die Stickereien aus dem Oseberg-Fund waren z.B. in Seide gearbeitet (TRC II, 2016). Bekannt waren verschiedene Stiche, aber ich konnte nicht herausfinden, welche für welches Muster/Fläche verwendet wurden. Im Englischen ist von „chain stitch, raised herringbone stitch, stem stitch, and couching“ (TRC I, 2016) die Rede, sowie „satin stitch, split stitch, stem stitch, and couching“ (TRC II, 2016) im Falle des Oseberg-Schiffes. Meine Interpretation sieht dann so aus:

Des Weiteren habe ich eine Art Mantel genäht, der wohl das am freisten interpretierte Kleidungsstück in meiner Sammlung ist. Er besteht aus Wolle und folgt dem Schnitt des Basiskleides, wobei er vorne offen ist. Die rote Borte ist hingegen aus Leinen. Näht euren eigenen mit dieser Anleitung. Der sogenannte Birka Mantel, welcher im Reenactment-Bereich weit verbreitet ist, wird von Hägg mittlerweile angezweifelt. Stattdessen geht sie von einer Übertunika aus, bei der sie jedoch nicht von einer Frontöffnung spricht (2015, S. 52f.). Der offene Mantel findet sich zuletzt in den Ausgrabungen zu den Häfen von 1984 (S. 203). Daher noch einmal das Schlusswort: Vieles von dem, was wir über die Kleidung der Wikinger zu wissen glauben, ist eine Interpretation und muss nicht so gewesen sein.

Ein komplettes Outfit verschluckt in der Summe also einiges an Material. Dass die Wollstoffe aber wunderbar warm halten, konnte ich immer wieder in Skandinavien austesten.

Zusätzlich zur geschlechtsspezifischen Hauptkleidung gibt es auch einige Stücke, die von allen getragen werden können. Dazu gehören zunächst einmal Schuhe. Diese wurden aus Leder gefertigt. Schnittmuster gibt es unterschiedliche. Auf dem Bild seht ihr wendegenähte Halbschuhe.

Was darunter getragen wurde, ist in der gegenwärtigen Fundsituation nicht ganz eindeutig. Im Reenacmentbereich habe ich schon unterschiedliche Arten von Strümpfen oder Strumpfhosenähnlichen Objekten gesehen. Manche fertigen ihre Socken aus gewebtem Wollstoff, andere greifen auf das Nadelbinden zurück.

Nadelbinden ist eine Technik, die sehr viel älter ist als das Stricken. Man arbeitet mit einer Nadel aus Geweih, Knochen oder Holz und fertigt eine Reihe von Knoten. Das dadurch entstehende Objekt dauert zwar länger zum Fertigen als unser modernes Stricken, ist aber unempfindlicher gegenüber Löchern, da diese nicht aufreiben. Diese Handschuhe wurden ebenfalls in dieser Technik mit Dochtgarn aus Wolle gefertigt. Auch dafür scheint es Beispiele aus gewebtem Stoff zu geben (Ich habe neulich einen Hinweis auf ein isländisches Museumsstück erhalten.)

Als Schutz gegen Nässe und Kälte ist die Gugel geeignet. Zwar ist nicht ganz sicher, wer und wann sie getragen hat, trotzdem wird sie heute oft in der Darstellung verwendet. Auf einer separaten Seite habe ich eine Anleitung erstellt.

In Häggs Untersuchungen zur wikingerzeitlichen Kleidung ist hingegen von einem rechteckigen Stück Stoff die Rede, das als Überwurf getragen wurde (2015, S. 55-58). Allerdings ist es durch seine schlichte Form in Funden kaum zu greifen. Vermutet werden verzierte Kanten und die Schließung mit einer Fibel. Eine Zunahme in der Verwendung von Loden ab der zweiten Hälfte des 9.Jh. (Hägg, 2015, S. 173) und Das Auffinden von Daunenresten (Hägg, 2015, S. 171) zeigen uns weitere interessante Möglichkeiten des Schutzes gegen Wind und Wetter.

Brettchengewebte Borten anzufertigen dauert verhältnismäßig lang; insbesondere in der Vorbereitung, denn hier müssen einige Dutzend Fäden zugeschnitten werden. Auch der Webvorgang nimmt Zeit in Anspruch. Diese Borten findet man auch häufig an Kleidungsstücken. Es sind sogar einige originale Muster überliefert, z.B. aus dem Kontext des Oseberg-Fundes.

Anleitungen:
Basiskleid
Trägerkleid

Zierschürze
Tunika
Klappentunika
Pumphose

Gugel

Quellen- und Literatur:

Hägg, Inga: Die Textilfunde aus dem Hafen von Haithabu, (Berichte über die Ausgrabungen in Haithabu, hrsg. v. Archäologisches Landesmuseum der Christian-Albrechts-Universität), 1984.

Hägg, Inga: Die Textilfunde aus der Siedlung und aus den Gräbern von Haithabu. Beschreibung und Gliederung, (Berichte über die Ausgrabungen in Haithabu, hrsg. v. Archäologisches Landesmuseum der Christian-Albrechts-Universität), 1991.

Hägg, Inga: Textilien und Tracht in Haithabu und Schleswig, 2015.

Groenman-van Waateringe, Willy: Die Lederfunde von Haithabu, (Berichte über die Ausgrabungen in Haithabu, hrsg. v. Archäologisches Landesmuseum der Christian-Albrechts-Universität), 1984.

Textile Research Centre Leiden (I): Viking Embroidery, online unter: https://trc-leiden.nl/trc-needles/regional-traditions/europe-and-north-america/embroideries/viking-embroidery [Stand 2016, zuletzt besucht am 27.06.2020, 12:15 Uhr].

Textile Research Centre Leiden (II): Oseberg Ship Burial (Norway), online unter: https://trc-leiden.nl/trc-needles/individual-textiles-and-textile-types/fragments-and-panels/oseberg-ship-burial-norway [Stand 2016, zuletzt besucht am 27.06.2020, 12:15 Uhr].

Zeichnungen von Broschen: The Viking Age Compendium: Brooches – Viking Paired Styles, online unter http://www.vikingage.org/wiki/wiki/Brooches_-_Viking_Paired_Styles [Zuletzt besucht am 27.06.2020, 12:50 Uhr].

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